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Geburtsbericht Frida

Ein nebeliger Montag. Ich möchte nicht wieder zum Arzt. Mittlerweile war ich vier Tage über dem errechneten Geburtstermin. Mittlerweile nervte mich – alles. Der Bauch, das Warten, die Fragen, ob es denn schon losgeht, die ständigen Arztbesuche. Montagmorgen. Nebel, Nieselregen, CTG. Alles ruhig. Alles Bestens, meinte der Arzt, es fehlen nur die Wehen. Ich lächelte. Irgendwie, danach gingen wir Einkaufen. Mein Rücken schmerzte und alles war beschwerlich. Zu Hause legte ich mich etwas hin, wir machten uns Nudeln mit Tomatensoße. Am Abend gab es ein Käsebrot. Ich hatte Bauchweh. Immer mal wieder ein Ziehen. Wie fühlt es sich an, hatte er gefragt. Ich weiß nicht, habe ich geantwortet. Wie Wehen? Ich weiß nicht wie sich Wehen anfühlen. Ich legte mich erneut aufs Sofa. Er sah mich besorgt an. Ein langanhaltender Schmerz durchzog meinen Körper. Ok, plötzlich war ich mir sicher, dass das nun eine echte Wehe war. Aber dann kam nichts mehr. Wie immer. Ich glaube, ich gehe mal baden, murmelte ich und verschwand im Bad. Im warmen Wasser war alles ruhig und entspannt. Keine Wehe, keine Schmerzen. Nichts. Seufzen. Ich zog mich wieder an, schaute etwas Fernsehen. Dann fingen die Wehen an. Regelmäßig. Ich glaube, wir fahren jetzt.

Ich wollte ständig fragen, schaffte es gerade so mich nicht ständig zu wiederholen. Ihr Gesicht ist angespannt, meine Neugierde hilft wenig. Sie weiß es auch nicht. Ich bilde mir ein ständig Wehen wahrzunehmen, wie sie sich verkrampft. Ihre Versicherung, dass alles in Ordnung ist, sie nicht nochmals umsonst im Krankenhaus übernachten möchte. Kurz regt sie sich wieder über das letzte Mal auf, der Lärm, die Schwestern, die ständig ins Zimmer platzten und das hilflos fühlen. Während dem Bad setze ich mich zu ihr. Wir plaudern. Nichts konkretes. Ich möchte nicht, dass sie sich langweilt oder etwas fehlt. Später die erste richtige Wehe. Es haben alle gesagt, dass man weiß, wenn es eine Wehe ist. Aber solange sie nicht da ist, hält man das Ziehen und Zwicken für Wehen. Ich kann mir alles nicht so gut vorstellen, sehe aber ihre Schmerzen. Zuvor habe ich immer gesagt, wenn jetzt noch eine kommt, dann fahren wir. Jetzt fahren wir.

Es war ein nebliger Tag. Stürmisch. Verregnet. Grau und kalt. Jetzt kommst du, mein kleines Winterbaby. Nach einer halben Stunde erreichten wir das Krankenhaus. Ich kam in den Kreißsaal und das CTG ratterte. Ich sollte Atmen. Ruhig atmen. Wir schaffen das mein kleines Mädchen, sagte ich leise. Atmen. Tief ein und aus. “Denken sie an etwas Schönes.”

Knapp fünfzehn Minuten dauert die Fahrt ins Krankenhaus. Den Weg zum Kreißsaal kennen wir schon. Dafür haben wir Mutterpass und Krankenkarte vergessen. Nachdem wir wochenlang alles säuberlich vorbereitet hatten. Aber für den Arzttermin wurde es in eine andere Tasche gepackt und in der Eile vergessen. Wird nachgebracht. Ich bin ruhiger als beim ersten Besuch im Kreißsaal. Schon einmal da gewesen zu sein hilft. Ich schenke ihr Wasser ein und halte die Hand während die Wehen aufgezeichnet werden. Immer wieder versuche ich die Abstände zu erkennen, aber sie sind unregelmäßig. Irgendwo bei zwei Minuten.

Ich wurde in ein anderes Zimmer geschoben. Meine größte Sorge war, dass die Wehen wieder aufhören. Dass ich wieder Treppen laufen muss oder sie mich wieder auf irgendein Zimmer schieben. Die Hebamme lächelte. “Ihr Muttermund ist bereits 8cm geöffnet. Sie werden nicht mehr laufen.”. Ich weiß nicht genau, ob mich das beruhigte oder noch mehr verängstigte. Ich sah in seine Augen und er lächelte. Unser Mädchen kommt jetzt bald.

Von Kreißsaal 1 in Kreißsaal 2. Oder war es 3? Im Gegensatz zum letzten Mal lässt uns die Hebamme nicht mehr alleine. Ich überlege, ob sie Schwangere grundsätzlich nicht heimschicken, sondern sie immer ans CTG hängen, wenn diese glauben, dass es soweit ist. Weil Mütter es besser spüren oder um zu zeigen, dass sie ernst genommen werden. Auch kommt jedes Mal zu Beginn der Satz: “Bald wird sie oder er da sein.”, “Sie oder er ist aber sehr aktiv.”. Wenn die Eltern es wissen, wird die Hebamme direkt ausgebessert, wissen sie es nicht, nicht. Einfach. Aber beim zweiten Mal auch etwas komisch. 

Atmen. Immer Atmen. Schreien wollte ich nicht. Noch nicht. Ich schnaufte, presste mein Gesicht ins Kissen. Meine Augen waren geschlossen. Ich wollte nichts sehen. Am liebsten auch nichts hören. Atmen. Wie ein Pulsschlag. Zwischendurch entspannen. So gut es ging. Die Schmerzen wurden immer stärker und unerträglicher. Ich klammerte mich an seine Hand und war so dankbar, dass er einfach nur da war, nichts sagte und meine Hand nicht losließ. Liebe.

Bei jeder Wehe krallt sie ihre Finger in meine Hand. Ich sehe sie an. Sie gibt sich Mühe. Ich gebe den Ehering auf den Daumen, damit er nicht gegen meine Knochen drückt, wenn sie sich festhält. Vorsichtig drehe ich meine Hand, damit sie voll zudrücken kann ohne dass ich es nicht mehr aushalte. Nur selten muss ich sie wegschieben. Später hält sie mich am Armgelenk. Immer wieder spüre ich die Nägel. Doch das ist alles nicht so wichtig. Ich bin da und möchte sie so gut unterstützen wie möglich. Sie ist so unglaublich höflich. Trotz der Schmerzen. Entschuldigt sich bei der Hebamme, wenn eine Wehe nicht so stark war oder sie kurz aufschrie.

Drückt es schon nach unten? Ich weiß nicht, es drückt überall. Ich jammerte  etwas, atmete zu hektisch. Ruhig atmen. Ruhig. Wir werden jetzt  die Fruchtblase öffnen. Mir war bereits alles egal. Ich atmete mit den Schmerzen. Ein Schwall Fruchtwasser schwappte raus. Dann wurde es unerträglich. Kann ich ein Schmerzmittel bekommen? Mir wurde irgendwas in den Arm gespritzt. Ob es besser wurde, weiß ich nicht, Ich will jetzt eigentlich auch nicht mehr. “Sie schaffen das. Sie machen das so gut. Bei der nächsten Wehe drücken sie mit.”. Ich schloss die Augen. Betete kurz. Sah wie er sich wegdrehte und die Augen schloss. Atmen. Ruhig atmen. Sie schaffen das. Ich kann nicht mehr. Ich will auch nicht mehr. Die Schmerzen waren unerträglich. Vielleicht zerreißt es mich, Wann fangen  endlich die Presswehen an? “Die sind schon lange angefangen. Der Kopf ist schon zu sehen.”. Ich fluchte kurz. Schloss die Augen, schrie. “Mia, sie pressen jetzt. Sie machen das toll und sie schaffen das. Ok.“. Ok, ich schaffe es. Ich presste. “Der Kopf ist schon da.“. Neinneinnein, sagte ich.  Dann schrie ich, dass ich mich selbst erschrak und mir den Mund zu hielt. Sie war da. Frida. Mein Mädchen. Sie lag auf meiner Brust, warm, weich und schaute mit großen Augen. Mein Mädchen. Endlich bist du da. “Wir haben es geschafft”, flüsterte ich.

Frida blinzelt. Ich bin so glücklich. Es ging plötzlich alles recht schnell. Kurz wurde ich aus dem tranceähnlichen Zustand gerissen, als die Hebamme Mia fragte, ob es in Ordnung ist, wenn ich zusehe. Das Fruchtwasser schwappte durch den halben Kreißsaal. Frida selbst musste nicht gezogen werden, sondern sie rutschte mühelos auf das Bett und wurde direkt Mia auf die Brust gelegt. Ich schnitt die Nabelschnur durch, was einfacher ging als erwartet und kuschelte mich dann zu ihnen. Dieses wunderbare Ding. Meine Tochter. Der schönste Tag meines Lebens.

(Am 19.02.2013. Nach 3 1/2Stunden war sie da. 54cm 4321g schwer. Herz)

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