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Zeitungsding

Vor etwa einem Monat wurde ich von derStandard.at gefragt, ob ich einen Text über Internet und Beziehungen für ihren Schwerpunkt ‘Digital Leben’ schreiben könnte. Herausgekommen ist ein sehr persönlicher Text über meine Beziehung mit Mia. Hier der Link zum Artikel und im folgenden die ungekürzte Version.

Das Internet ist nicht immer so schnelllebig wie sein Ruf. Welche Vorteile es für die Liebe mit sich bringt und eine persönliche Geschichte mit Happy End.

Wenn ich jemanden erzähle, dass ich meine Freundin im Internet kennen gelernt habe, bekomme ich meist einen mitleidigen Blick. Partnerbörsen haben einen schlechten Ruf, der Restehaufen für alle, die zu lange am Markt waren. Dabei gibt es gute Gründe dafür, etwa Zeit. Meine Geschichte beginnt jedoch woanders. Beim Bloggen.

Vor einigen Jahren schrieb man von einer Blogosphäre oder Kleinbloggersdorf, wie es liebevoll im deutschsprachigen genannt wird. Inzwischen geht man davon aus, dass es viele Blogosphören gibt. Blogs sind Kommunikation. Jeder Beitrag ein Gespräch, an dem Bekannte und Fremde teilnehmen könnwn. Manchmal fühlt es sich an, wie am Morgen nach einer Party mit Freunden heim zu gehen und über das Leben zu philosophieren. Manchmal wie das Gespräch im Supermarkt, wo sich immer mehr Personen beteiligen. Die Themen werden weitergetragen und im Gegensatz zur offlinen Welt meist mit Referenz auf ihren Ursprung. Ansonsten sind die Unterschiede zwischen online und offline meist geringer als man denkt.

Vor 4 Jahren habe ich knapp 1 Jahr gebloggt. Etwas länger Blogs gelesen und eines Tages in einem Blog (daily me) über einen Link zu einem anderen (niemandsdinge) gestolpert. Wie so oft erst einmal ein paar Beiträge quer gelesen, mich recht schnell mit dem Schreibstil angefreundet und das Blog abonniert.

Das Internet ermöglicht asynchrone Kommunikation in vielen Bereichen. Ideal für Menschen, denen der perfekte Satz erst am nächsten Tag einfällt. Aber auch für viele andere. Der Klassenclown bekommt den Platz den er braucht, um seine Späßchen zu treiben und der Schüchterne kann erst einmal nur zuschauen, bis er sich wohl genug fühlt auch etwas zu sagen. Er kann es öffentlich tun, etwa als Kommentar in einem Blog, oder privat, etwa als Email. Ähnlich wie es offline auch geht. Nur einfacher.

Irgendwann habe ich Mia in einem Beitrag verlinkt ##Link und seitdem haben wir uns gegenseitig gelesen. Also die Blogs. Und gelegentlich kommentiert. Als sie auf dem Blog gefragt hat, ob ihr jemand bei einem Podcast helfen könne, schrieb ich in einem Kommentar, dass ich ihr gerne helfe. Via Email oder Skype. Die Handynummer im Internet. Zu Beginn schrieben wir vor allem, früher wären es Briefe gewesen, heute oft SMS, bei uns Skypenachrichten. Mitten in der Nacht gestand man sich die gegenseitige Sympathie.

War man bisher vor allem auf Arbeits-, Freundes- und Freizeitumfeld bei der Partnerwahl beschränkt, zumindest aber lokal, öffnet das Internet einen weltweiten Pool an möglichen Partnern. Theoretisch. Wir haben nicht gesucht, waren glückliche Singles. Erst nur befreundet, man mochte sich, half sich gegenseitig und hatte Spaß. Bis es irgendwann mehr wurde. Das Internet ist keine eigene Welt, sondern verknüpft die Welt in der wir leben. Ermöglicht, dass wir mit Menschen kommunizieren, mit denen wir offline nie in Kontakt gekommen wären. Bringt neue Perspektiven mit sich und verändert das Denken. Manchmal.

Das Internet gibt vor Entfernungen zu überbrücken, tut dies jedoch nur teilweise. 800 Kilometer. Mit dem Zug 7-9 Stunden. Bei Verspätung auch 12. Am Tag nachdem wir zusammen gekommen waren, wollte ich es wieder beenden. Mein damaliger Projektpartner hat mir von seinen gescheiterten Fernbeziehungen erzählt und ich hatte Angst, dass vor allem Schmerzen bringen würde. Mia verstand mich, meinte aber, dass wir es einfach probieren sollten. Nicht hineinsteigern, nicht die Liebe fürs Leben erschaffen, sondern mit einem Menschen zusammen sein, den man gern hat. Und wenn es nicht mehr geht, dann geht es nicht mehr.

Vom kennen lernen bis zum zusammen kommen vergingen 4 Monate. Bis wir uns das erste Mal sahen weitere 6. Ich hatte Urlaub und wollte ein paar Tage bei ihr bleiben. Am Ende war es fast ein Monat. In den folgenden Jahren vergingen oft mehrere Monate bis man sich wiedersah. Die Abschiede waren unglaublich schmerzhaft und wurden nur durch kleine Briefe und Überraschungen, die man sich gegenseitig zusteckte, versüßt.

Das Internet hilft Fernbeziehungen am Leben zu erhalten. Nahezu jeden Tag zwischen 1 und 3 Stunden miteinander reden. Die restliche Kommunikation fand meist öffentlich statt. Viele Blogs haben tagebuchähnlich begonnen, so auch meiner. Menschen geben Dinge aus ihrem Leben preis, ermöglichen ein miterleben. Man kann dadurch keinen Menschen komplett kennen lernen, aber es gibt einen Einblick, ein Gefühl. Im Internet weiß man über das Gegenüber oft mehr als wenn man jemanden nur offline kennen lernt. Über die Verbindungen zu Freunden und Bekannten wird eine gewisse Ehrlichkeit erzwungen, man kann nicht alles erfinden, auch wenn man seine eigene Erfahrung veröffentlichen kann.

Neben Skype fand ein großteil unserer Kommunikation öffentlich statt. Wir ließen und lassen andere Menschen an unserer Beziehung teilhaben. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Mehrdeutige Nachrichten auf Twitter, Blogbeiträge und indirekte Kommunikation. Für jemanden, der uns nicht kennt sind viele Nachrichten unverständlich, für andere reicht ein Wort und sie wissen worum es geht.

Vier Jahre Fernbeziehung. Das Internet hilft, jedoch kann es körperliche Nähe nicht ersetzen. Es hilft zu überbrücken, doch nach einer gewissen Zeit braucht man ein greifbares Ende der Entfernung. Zumindest am Horizont. Je mehr man sich liebt, desto schwerer werden die Abschiede, desto schmerzhafter die Zeit alleine. Vor drei Wochen bin ich zu ihr gezogen.

Jetzt hilft mir das Internet in Kontakt mit meinen Freunden zu bleiben. Wir haben einen gemeinsamen Blog gestartet, wo es für jeden möglich ist unsere Beziehung zu verfolgen. http://herzding.net Über Twitter werden täglich kleine Updates geschickt, was wir unternehmen, was wir essen, Rezepte dazu, Einkäufe und andere alltägliche Dinge. Ein Youtube Kanal für gelgentliche Videos. Livestreams gab es schon früher.

Entscheidend ist, dass bei beiden Partnern das Internet zum Alltag gehört. Einerseits, damit das kennen lernen funktioniert und andererseits, weil sonst oft das Verständnis fehlt, warum Teile des gemeinsamen Lebens veröffentlicht werden. Das Internet gibt lediglich die Möglichkeit, ist aber kein Allheilmittel. Was man damit macht entscheidet jeder für sich selbt.

Die Kommentare nur lesen, wenn man trollresistent ist.


Auch auf Zeitjung.de wurde ein Artikel mit Erwähnung des Blogs veröffentlicht. Dort bin ich inhaltlich aber nicht unbedingt einverstanden.

6 Kommentare

  1. Anna sagt

    Ich wünsche euch ganz, ganz viel Glück 🙂
    Mein Mann und ich haben uns auch im Internet kennengelernt, vor 7 Jahren….

    LG,
    Anna

  2. Sonja R. sagt

    Alles Gute und viel Glück auch von uns:

    mein Mann und ich haben uns in einem politischen Forum (n-tv) kennengelernt, das wird im Oktober 10 Jahre (ja, wegen 911). Das 1.Mal gesehen haben wir uns relativ bald, nämlich am 10.11.01, und zwar bin ich hingefahren, weil ich so neugierig war, ob es das wirklich gibt, sich Verlieben im Internet. Und es war wirklich Liebe auf den 1.Blick (wir wohnten damals ca. 1000km voneinander entfernt). Zu mir gezogen ist er dann 2006, geheiratet haben wir im September 2007. Wenn man ehrlich ist und wirklich zusammenpasst bzw. -gehört, dann kann es ewig halten, denke ich.

    LG

    Sonja + Achim

  3. Jule sagt

    Viel Glück euch beiden…! Nette Story auf standard.at…
    Wie groß ist eigentlich der Altersunterschied bei euch?

    • Danke sehr. Altersunterschied? Ich muss im ersten Moment selbst überleben, 7Jahre oder so.

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